Sex in der gleichen Zeit wie die Video-Lieferung

Incels - ContraPoints

Betrunken Jugendliche in Sex-Video beschäftigt

Nordstemmen, westlich von Hildesheimist kein Zentrum des Messewesens. Um hinzufinden, braucht man Entschlossenheit und eine Landkarte. Nachts möchte man hier nicht allein sein. Aber es ist ein freundlicher Sonnabendnachmittag im September des Jahresdie Sonne scheint über Niedersachsen, und aus allen Himmelsrichtungen kommen Autos angefahren zur "Swing-In".

Wer den Ausstellungsraum im Obergeschoss betritt, erkennt auf den ersten Blick gar nicht, um was es hier geht. Ein paar hundert Besucher in Freizeitkleidung, Männer wie Frauen, laufen umher, stellen Fragen, tüten Faltblätter ein. Eine Leistungsschau der Kleingärtner sähe nicht viel anders aus. Aber hier geht es um hemmungslose Lust. Dort treffen sich Einzelne oder Paare, die mit Partnertausch und Gruppensex Abwechslung in ihren Alltag bringen wollen.

In Nordstemmen kommt es zur Sache selbst nicht; hier soll nur für sie geworben werden. Es ist schon die achte Messe, ausgerichtet vom "Zusammenschluss der Paare- und Swingerclubs", einem eingetragenen Verein.

Die Orgie — in Deutschland eine Frage der Organisation. Aber sind die Swinger, und seien es ein paar hunderttausend, nicht eine ziemliche Randgruppe im Land?

Nun, das Aussehen. Das stört sie aber nicht. In ihrem Clubmagazin Josy zeigen sie sich samt aller Wülste. Erotik ist für sie keine Frage der Attraktivität, sondern der Ausübung. Swinger sind Menschen, die sich nach Feierabend in geselliger Runde treffen, um ihrem Hobby nachzugehen. Und auch darin gleichen sie den meisten Deutschen. Was sich im öffentlichen Umgang mit der Sexualität seit dem Krieg geändert Sex in der gleichen Zeit wie die Video-Lieferung, lässt sich besser fassen, wenn man versucht, die Swingermesse in Gedanken zurückzuverlegen.

Wäre sie so zum Beispiel möglich gewesen? In jenem Jahr mussten in den Buchhandlungen — wie Fritz J. Raddatz in seinen Erinnerungen schreibt — die Käufer des erzählerischen Gesamtwerkes von Denis Diderot noch schriftlich versichern, volljährig zu sein und die Bände nicht an Jugendliche weiterzugeben. Genau: Denis Diderot, bis ! Ach, wenn den die Jugend heute läse statt Bravo….

Frühestens zur Studentenbewegung wäre ein "Swing-In" vorstellbar gewesen und auch dann gewiss nicht auf dem platten Land. Hatten Konservative jahrhundertelang die Sexualität gefürchtet und bekämpft, da moralisch verwerflich und sozial schädlich, wollten die Linken sie nun, inspiriert vom kommunistischen Orgasmustheoretiker Wilhelm Reich bisals gesellschaftliche Sprengkraft einsetzen: Sinnenfrohe Bürger würden sich erquickt aus ihren Betten erheben und kaputtmachen, was sie kaputtmacht!

Eine schöne Vision; sie blieb unerfüllt. Zwar konnte die Sexualität ihren Fluch abstreifen, nicht einmal Aids hat daran etwas ändern können. Aber als Triebkraft des Politischen versagte sie. Der kürzlich emeritierte Professor sitzt in seinem Büro hoch über der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf und blickt auf jahrzehntelange Studien zurück; er macht einen durchaus vergnügten Eindruck.

Sex in der gleichen Zeit wie die Video-Lieferung in den fünfziger Jahren habe die Wissenschaft die Sexualität als Dampfkessel verstanden: Druck baut sich auf beim Mann, bis Sex in der gleichen Zeit wie die Video-Lieferung Frau ihrer ehelichen Pflicht genügt und für Entspannung sorgt. Wurde es erreicht, war der Sex geglückt. Und heute? Man kann sich ihrer zu vielerlei Zwecken bedienen. Dauert der Akt vielleicht länger als früher? Sind die Menschen vielleicht zufriedener?

Selbstbefriedigung, einst als Notlösung verpönt, ist heute als eigenständige Form der Lust akzeptiert. Oralverkehr finden viele nicht mehr pervers, sondern schön. Das Körperbewusstsein der Bundesbürger hat sich nach doch sehr verändert. Also liebestechnisch alles im Lot dank einer von höheren Ansprüchen entlasteten, angstfrei ausgelebten Intimität? Ja — und nein. Schmidt verweist auf das für die Sexualität zentrale Feld der Paarbeziehungen.

Studien zufolge finden 95 Prozent aller Geschlechtsverkehre zwischen festen Partnern statt, und selbst bei den männlichen Homosexuellen, die als Gruppe eher zur Promiskuität neigen, sind es noch über 80 Prozent. Die Art und Weise, wie die Deutschen diese Beziehungen leben, hat sich seit dem Krieg enorm Sex in der gleichen Zeit wie die Video-Lieferung.

Da es für ein Beieinanderbleiben keinen ökonomischen oder moralischen Grund mehr gibt, bleibt als Grund allein die Emotion — und die schwankt. Der Wunsch nach Dauer besteht fort, doch hält er den wachsenden Ansprüchen nicht stand. Man will von seinem Gegenüber immer mehr — und ist immer weniger damit zufrieden. Scheitern deshalb so viele Ehen?